Lisa vom Dach – eine Gesellin zeigt vollen Einsatz

Die erste Dachdeckergesellin der Hörnschemeyer Dächer GmbH & Co. KG aus Osnabrück beweist: Das Handwerk muss keine Männerdomäne bleiben

 In ganz Deutschland waren im Jahr 2018 nur 111 von 6520 Dachdecker-Azubis Frauen. Lisa Kundetov war eine der 111. Und sie hat es geschafft. Wenn Lisa heute nach einem harten Arbeitstag wieder vom Dach heruntersteigt, ist sie zufrieden mit sich und ihrer Berufswahl. Denn sie fühlt sich wohl auf ihrem Arbeitsplatz in luftiger Höhe und ist stolz, dass sie etwas geleistet hat, das Bestand hat. Bei ihrem Arbeitgeber Hörnschemeyer Dächer in der Nähe von Osnabrück ist sie die erste Frau auf dem Dach überhaupt. Beide Seiten sind seit ihrem Start im April 2019 sehr zufrieden. „Natürlich ist das Dachdeckerhandwerk immer noch eine Männerdomäne“, meint die geschäftsführende Gesellschafterin Ina Hörnschemeyer. „Aber Lisa ist das beste Beispiel, dass es dabei nicht bleiben muss! Sie zeigt vollen Einsatz und ist mit ihrem Engagement und Können auch bei den männlichen Kollegen voll anerkannt.“ Dabei führte Lisas Weg eher auf Umwegen als gerade hinauf zum Dachdeckerhandwerk. Umso sicherer ist sie jetzt bei Arbeitsbeginn, genau am richtigen Ort zu sein – frühmorgens, nicht selten mit weitem Ausblick über das Osnabrücker Land weiß die 21-Jährige, dass sie bei der Berufswahl die richtige Entscheidung getroffen hat.

Voller Einsatz: Lisa Kundetov steigt als erste Dachdeckergesellin den Kunden der Hörnschemeyer Dächer GmbH & Co. KG aufs Dach.

Ein Aufstieg mit Umwegen

„Als Dachdeckerin habe ich mich während der Schulzeit noch gar nicht gesehen“, erzählt Lisa, die nach dem Realschulabschluss zunächst in der Berufsschule das Fachabi anstrebt. Nachdem sie auf ein berufsvorbereitendes Jahr umschwenkt, ist ihr Wunschberuf Bauzeichnerin. Dann schnuppert sie jedoch erste Höhenluft im Praktikum bei einem lokalen Dachdecker, das sie auf Vorschlag ihres Lehrers absolviert. Und der Funke springt über: Lisa beginnt eine Ausbildung bei dem Dachdeckerbetrieb und schließt 2018 die Gesellenprüfung erfolgreich ab. Doch statt weiter auf dem Dach geht es erstmal zurück auf den Boden. Lisa hat Startschwierigkeiten und beginnt zu zweifeln, ob der Dachdeckerberuf wirklich das richtige für sie ist. Sie sucht eine neue Perspektive – die findet sie in einer zweiten Ausbildung als technische Produktdesignerin. „Nach den ersten paar Monaten im Büro habe ich aber schnell gemerkt, dass mir vieles vom Dachdeckerhandwerk fehlt: unter anderem die Teamarbeit, die Bewegung und die Arbeit an der frischen Luft“, erzählt sie. „Für mich war klar, dass ich an meinem ursprünglichen Plan festhalten muss: Ich wollte zurück aufs Dach!“ Und kurz nach dieser Entscheidung bietet sich die Gelegenheit bei Hörnschemeyer Dächer in Wallenhorst. „Der Betrieb ist in der Region und unter den Dachdecker-Azubis als guter Arbeitgeber bekannt und ich wurde mit offenen Armen empfangen,“ erklärt Lisa, die sich direkt bewarb, direkt eingeladen und wenig später eingestellt wurde.“ Seit einigen Monaten steigt die Gesellin nun in der ganzen Region Osnabrück und darüber hinaus den Kunden von Hörnschemeyer aufs Dach.

Die erste Frau auf dem Dach

Als feststeht, dass Lisa bei Hörnschemeyer beginnt, waren ihre Freunde von Anfang an begeistert: „Die fanden das alle ziemlich cool!“ Klar, eine Dachdeckerin im Freundeskreis, das ist in jedem Fall etwas Besonderes. Anders sehen zunächst die Reaktionen ihrer Eltern aus. „Mein Vater, der selbst 18 Jahre als Sicherheitsnetzmonteur auf Baustellen gearbeitet hat und um die Gefahren weiß, war zunächst gar nicht so begeistert vom Entschluss seiner einzigen Tochter“, weiß die 21-Jährige zu berichten. „Heute lachen wir aber eher darüber und er ist sehr stolz, dass ich meinen Weg gegangen und mit dem Job angefangen bin.“

An die ersten Tage bei Hörnschemeyer erinnert sich Lisa ganz genau: „Ich war ziemlich nervös und hatte Angst, als Frau auf dem Bau nicht akzeptiert zu werden. Ich habe mir einfach total viele Gedanken gemacht.“ Dass ihre Sorgen unbegründet sind, zeigt sich jedoch schnell. Schon nach ein paar Wochen fühlt sich Lisa als fester Teil des Hörnschemeyer-Teams. Ob sie sich trotzdem auch mal einen Spruch anhören musste, ganz allein unter Männern? „Den Jungs habe ich einfach schnell gezeigt, dass ich genauso gut anpacken kann. Danach war das überhaupt kein Thema mehr!“, meint die einzige Gesellin des Wallenhorster Familienunternehmens trocken. Die Quote von Frauen im Dachdeckerhandwerk ist deutschlandweit so niedrig, wie in kaum einem anderen Berufsfeld. Sieht sich Lisa als Beispiel für andere? Darauf angesprochen sagt sie: „Ich kann jeder Frau nur empfehlen, sich nicht abhalten zu lassen und sich nicht einreden zu lassen, dass man es als Frau nicht schaffen kann! Wenn es dein Traum ist, zieh es durch!“

Höhenluft in cooler Kluft

Inzwischen ist die Arbeit für Lisa zum Alltag geworden: Ihr Arbeitstag beginnt in der Regel zwischen sechs und sieben Uhr morgens. Dann ist sie, mit Unterbrechung durch die Mittagspause, so gut wie immer auf dem Dach. Zurzeit arbeitet sie auf den Dächern im Landwehrviertel in Osnabrück. Auf dem früheren Kasernengelände entstehen bis Ende 2020 rund 1.000 neue Wohnungen. Damit ist das Landwehrviertel eines der größten, wenn nicht das größte Wohnungsbauprojekt in der ganzen Region. „Das ist einfach ein ganz tolles Gefühl, oben auf dem Dach zu stehen, die Aussicht über die Gegend genießen zu können, immer in Bewegung zu sein und vor allem: das Ergebnis des Arbeitstags am Ende vor – oder besser gesagt über einem sehen zu können“, erzählt Lisa. „Das ist es, was den Dachdeckerberuf für mich zu etwas ganz Besonderem macht.“ Für Hörnschemeyer als Spezialisten für Flachdächer arbeitet Lisa viel mit Dachpappe und Dachfolie, aber regelmäßig auch auf klassischen Spitzdächern. Schwindelfrei ist die Gesellin selbstverständlich: „Das sollte auf jeden Fall eine Voraussetzung sein. Der Respekt vor der Höhe darf aber trotzdem nie verloren gehen.“ betont sie. „Manchmal bleiben wir allerdings auch ganz am Boden, wenn’s zum Beispiel um die Bedachung von Tiefgaragen oder die Abdichtung von Kellerräumen geht. Jedes Projekt hat eigene Herausforderungen. Auch die Abwechslung ist es, die den Beruf interessant macht.“ Doch für die Dachdeckerin sticht das Handwerk nicht zuletzt noch aus einem ganz anderen Grund heraus, den man vielleicht zunächst gar nicht im Blick hat – oder eben schon: „Die Dachdeckerkluft ist natürlich die coolste Handwerkerkleidung überhaupt“, lacht sie. „Sieht super aus und ist total bequem – und natürlich ideal für die Aufgaben auf dem Dach!“

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